Nachts um 2

Das noch junge Jahr 2017 ist gut zu mir. Es fühlt sich nach Aufbruch an, jedoch weniger kämpferisch. Die Dinge fliegen mir momentan eher zu als dass ich krampfhaft danach suche. Oder ist es einfach nur so, dass ich inzwischen grundsätzlich mit Weniger zufrieden bin? Nein, soweit würde ich dann doch nicht gehen wollen. Aber wer hat nicht schon mal die Erfahrung gemacht, dass eine gewisse Gelassenheit in Bezug auf das Erreichen eines gesteckten Ziels hilfreicher sein kann, als der unbedingte Wille. Man sucht fieberhaft einen neuen Job und schreibt Bewerbungen, nichts tut sich und sobald man nicht mehr seine Hauptenergie darauf v(ersch)wendet und das Zepter nur ein bisschen aus der Hand gibt, kommt ein Angebot um die Ecke, dass man sich selbst besser nicht hätte backen können. „As soon as you stop wanting something, you get it“ soll Andy Warhol mal gesagt haben. Und auch, wenn bei mir solche Weisheiten im besten Falle in die Kategorie „schlauer Kalenderspruch“ verbucht werden, ist mir diese im Gedächtnis geblieben. Je größer die Verbissenheit hinter einem bestimmten Ziel, desto schwieriger und vielleicht sogar unwahrscheinlicher die Erreichung. Also einfach mal das Gas etwas rausnehmen, entspannt zurücklehnen und die Dinge auch mal passieren lassen.

Ein kleiner Drink, ruhige Musik, gedämpftes Licht, der Kopf voller Ideen. Ich weiß jetzt um den wahren Wert meiner neu gewonnene Freiheit. Anfangs konnte ich es noch nicht so recht füllen oder sagen wir glauben. Zu stark waren die Umwälzungen zu dem Zeitpunkt. Aber jetzt.

Gerade genieße ich diese ganz besondere Stimmung, wenn ich hier nachts um 2 Uhr sitze und diesen Beitrag schreib während mein kleiner Sohn drüben im Schlafzimmer ruhig und fest in Papas Bett schläft. Zu seinem Geburtstag vor ein paar Tagen hat er sich eine (Kinder-)Fotokamera gewünscht. Diesen Wunsch unerfüllt lassen? Unmöglich. Gestern waren wir dann den ganzen Tag unterwegs, um Fotos zu machen.

Die Mitleser des Blogs wissen, dass ich viel umgestellt sowie den Großteil meines Equipments verkauft habe. Die bewusste Reduktion aufs Wesentliche hat gut getan. Viel mehr noch: sie hat dazu geführt, dass meine Überlegungen inzwischen sogar noch weiter in die Richtung gehen. Abschaffen von Besitz, der nur besitzt, aber nicht nützt. Klar, so eine Designerledercouch ist schon was Schickes, teure Armbanduhren schöne Schmuckstücke und ein SUV in der Tiefgarage vermeintlich das, was viele Männer (zu) brauchen (meinen). Von Letzterem habe ich mich bereits im letzten Jahr glücklich getrennt. Das alles muss ich ja nicht heute Nacht entscheiden, aber die Tendenz sich auch im Privaten zu verschlanken, ist deutlich spürbar. Nicht, weil ich das wirtschaftlich muss, aber für mich sind diese Sachen im Moment eher ein Anker. Nicht mehr als die Symbole einer Zeit, die zwar auch von meinem Erfolg als Fotograf zeugen, aber mich als Person doch eher „missrepräsentieren“.

Aber Dinge ändern sich, und nein, ich habe keine Lebenskrise (im Gegenteil, ich bin so klar wie noch nie) und werde es auch sicher nicht bereuen meinen teuren und überflüssigen Kram abzugeben. Stattdessen will ich mehr reisen, erleben, treffen, spontan sein – ist es doch das, was das Leben ausmacht! Und genau das möchte ich fotografieren. Ob klassischer Job, freie Arbeit, Tätigkeiten als Influencer oder Markenbotschafter ist nicht wichtig. Aktuell bekomme ich viele Anfragen und auch die Jobs sind wieder da. Man staune, alles zu fairen Konditionen. Ich prüfe aber sehr genau, was ich davon annehme und zu mir passt; den Rest sage ich ab.

So laufen im Hintergrund die Kalkulationen für einen fetten Werbejob genauso wie für ein ganz kleines Editorial. Was davon dann tatsächlich als Auftrag zustande kommt, kann man in der KVA-Phase nie genau sagen. Davon lasse ich mich nicht weiter verrückt machen und lese mich stattdessen lieber weiter in meine Indien-Exkursion ein. Meinen neuen pacsafe habe ich Euch ja schon zwei Einträge früher gezeigt. Und ja, es ist ein kleiner Influencer-Deal. Was jedoch nicht der Tatsache widerspricht, dass ich das Produkt wirklich gut finde und mich darauf freue, es auf der Reise zu testen und bei anderen Unternehmungen einzusetzen.

Viele Kollegen oder Interessierte fragen mich, jetzt (wo es funktioniert) oft, wie man an solche Partnerschaften rankommt. Die Antwort ist erdenklich einfach: man wird angesprochen. Dabei ist von enormem Vorteil, wenn man als Person und was man macht einen Wert für den entsprechenden (Werbe-) Partner hat und diesen in welcher Form auch immer einbringen kann. Die Firmen anzuschreiben hilft also nichts, ganz im Gegenteil. Die Nummer á la „ich war auf Reisen und habe ein paar Bilder mit der Kamera XY gemacht“ ist mehr als inflationär und nun wirklich nichts Neues, sondern gibt es solange wie den Fotoapparat selbst. Ich für meinen Teil behalte weiterhin oben genannten Kalenderspruch im Hinterkopf und bleib tiefenentspannt. Und werde es jetzt meinem Kleinen gleichtun.

Gute Nacht.

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