Alles umsonst?

Immer wieder ist die Frage Gegenstand von Diskussionen. Ob digital in FB-Gruppen oder analog zwischen dem Flying-Buffet auf Branchentreffen. Ich würde zwar noch nicht so weit gehen wollen, zu behaupten, dass wir wirklich schon für lau arbeiten, aber auch in meinem Bereich der Berufsfotografie merkt man sehr deutlich, dass die “Umsonst-Mentalität” auf dem Vormarsch ist.

To give you an idea: Für einen bekannten Brillenhersteller habe ich in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren die weltweite Jahreskampagne geschossen. Planung und Organisation des Shootings verlief über 2 Wochen generalstabmäßig; dem Zufall sollte wirklich rein gar nichts überlassen werden. Workload in der verfügbaren Zeit war knackig, aber machbar. Nur eine Kleinigkeit wurde wohl vergessen zu erwähnen. Es gab nicht nur den vereinbarten Koffer der Modelle der offiziellen Kollektion zu fotografieren, sondern einen weiteren – mit den inoffiziellen Sondermodellen. Die sollen doch bitte, wenn möglich, auch noch mit fotografiert werden. Im ersten Jahr haben wir dafür eine sehr gute Regelung gefunden: Zuerst wurde die offizielle Kollektion „verarztet“, wenn dann noch Zeit blieb, habe ich noch ein oder zwei Modelle extra geschossen. So passte es für Hersteller, Agentur und mich. Win-Win at its best sollte man meinen – entpuppte sich jedoch leider als Trugschluss.

Im zweiten Jahr hatte sich der Hersteller und die Agentur etwas Neues einfallen lassen. Zwar gab es da auch wieder zwei Köfferchen – einmal den offiziellen und einmal den inoffiziellen. Neu war jedoch, dass mir dieses Mal der inoffizielle Koffer mit den Sondermodellen nicht nach, sondern während der offiziellen Kollektion „untergejubelt“ wurde. Die Absicht war klar: man versuchte so noch mehr Modelle, die nicht im KVA definiert waren, abgelichtet zu bekommen (das deutsche Strafrecht nennt das meines Unwissens nach Erschleichen von Leistungen). Hier war dann auch genau der Moment, in dem ich im Shooting intervenieren musste, um nicht Gefahr zu laufen, das offiziell vereinbarte Pensum nicht zu schaffen. Da wir in einer Location maßgeblich abhängig von Tageslicht arbeiteten, war auch mit Overtime nichts zu machen.

Und hier liegt doch die Crux: Hätte ich nichts gesagt, das offizielle Pensum dann nicht geschafft, hätte man mich gefragt, warum ich nicht darauf hingewiesen hätte und meine Rechnung gekürzt. Nun, wo ich dies getan habe, war ich natürlich der Fotograf, der unkooperativ ist und mit dem man nicht zusammenarbeiten kann. Ihr merkt, an diesem Punkt kann der Fotograf -mögen die Kommunikationsskills noch so gut sein -nur verlieren. Ein schönes Praxisbeispiel für “umsonst arbeiten” und wie einem das wunderbar um die Ohren fliegen kann.

Der Fehler lag selbstverständlich bereits in meinem Entgegenkommen im ersten Jahr. Heute, 6 Jahre später, würde ich das nicht einmal mehr in Erwägung ziehen – es wird das umgesetzt, was im KVA als Leistung klar definiert wurde, nicht mehr und nicht weniger. Die Hersteller, Marken und Konzerne werden es verkraften mich normal zu bezahlen – schließlich kaufe ich mir meine Dinge auch zum regulären Kurs und verlange bei einem Paar Sneakers nicht ein zweites für umme dazu.

Was nichts kostet, ist bekanntlich auch nichts wert. Spiegelt sich im Preis für eine Arbeit und Dienstleistungen doch so viel mehr wider als nur die Knappheit eines Gutes – die Wertschätzung der Leistungsempfänger.

Wer sich für das Thema: „Alles umsonst?“ interessiert und wissen möchte, wie man dem selbstbewusst entgegentreten kann, hat die Möglichkeit mich diesen Sommer auf einem Symposium der FFA zu treffen. Ich werde dort als Gastredner meinen Standpunkt erläutern und anschließend mit anderen Branchengrößen diskutieren.

3 Comments

Silvio De Negri

Sehr gut, gefällt mir diese Diskussion. Es ist enorm anstrengend nach dem Ende der Angebotsphase wenn die Zusage da ist und es dann heißt: “Ja und dann brauchen wir zu den Videos noch ein Coverbild”… oder so ähnlich. Selbstvertändlich gehört das dazu, inkl. Nutzungsrechte auf ewig und natürlich alles inkl. Verkauf auf eigene Rechnung durch den Auftraggeber. Dazu kann ich leider immer nur NEIN sagen, auch wenns finanziell erstmal kontraproduktiv ist. Oder ich mach den Job mit Handy und Taschenlampe…

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Thorsten Rother

Ende der Angebotsphase, und danach noch mehr fordern? Was nicht im KVA drin steht, ist für mich nicht existent. Und müsste dann extra beauftragt werden.

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Dirk

“Machen Sie erst mal – wir werden uns da schon einig.”ist einer meiner Lieblingssätze.

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