Storytelling

Zu Beginn meiner fotografischen Laufbahn habe ich meist in Bildstrecken gedacht, weder politisch noch wertend. Kleine Geschichten, die keinem weh taten. Trivial, aber schön anzusehen. Zu dieser Zeit lebte ich noch in Hamburg und arbeitete viel redaktionell für Magazine wie Max, Brigitte und Allegra. Später kam sogar der große Stern hinzu. Ich weiß noch wie stolz ich da war: Ich beim Stern -WOW! Mit diesem Magazin bin ich groß geworden; meine Eltern hatten es abonniert und es lag immer ein Riesenstapel direkt neben der Kommode an der Wohnungstüre. Wenn meine Eltern noch schliefen (ja zu dieser Zeit war ich noch ein Frühaufsteher) blätterte ich mich durch die großen und mehrseitigen Reportagen über die große weite Welt.

Schon als Kind fesselten mich diese Fotos und Geschichten. Zu behaupten, dass ich bereits zu dieser Zeit fest vorhatte Fotograf zu werden, würde sich zwar gut anhören, wäre aber gelogen. Nichtsdestotrotz erinnere ich mich gut daran, welche Wirkung diese Bilder auf mich hatten. Welche Macht Bilder haben, fasziniert mich auch oder vielleicht gerade in der heutigen Zeit der Übersättigung immer wieder aufs Neue. Fast schon zeitgleich mit dem Moment, in dem unsere Augen ein Bild sehen, laufen im Gehirn Prozesse ab, die wir gar nicht beeinflussen können. Ein Abgleich mit unseren Erfahrungen, Werten und abgespeicherten Informationen wird in Gang gesetzt und führt so in Sekundenschnelle zu einer Emotion. Freude, Ekel, Erregung, Wut oder alles in einem. Wir können es nicht steuern. Jeder kennt das Gefühl, sich nicht klar darüber zu sein, was man von einem bestimmten Bild hält. Finde ich das gut? Warum kann ich nicht wegschauen, obwohl ich es abstoßend, verwerflich, etc. finde? Sicher rufen auch Texte oder Musik starke Emotionen in uns hervor, jedoch sind es immer Bilder, die sich unwiderruflich in unser Gehirn einbrennen.

Zurück zum Stern: Ich durfte für sie ein paar Mal Portraits schießen, dann sollte die Reise weitergehen. Es war an einem kalten Abend im Dezember, eine bekannte Hamburger Werbeagentur hatte zu ihrer Weihnachtsfeier geladen und ich hatte die Möglichkeit mich dort unters feiernde Werbevolk zu mischen. Und was soll ich sagen, zu der Zeit knallten die Korken noch ziemlich laut und in der Branche boomte es. Nicht, dass ich davon Ahnung hatte, aber ich muss zugeben ich war angefixt. Schnell durfte ich mit meiner Mappe in den nächsten Tagen in der Agentur vorbeischauen. Zack, mein erster Job in der Werbung war da.

Nein, ich will hier nicht das Bild der bösen Werbung zeichnen. Schließlich war ich allein es, der sich – angetrieben durch Gier nach Erfolg, Geld und Aufmerksamkeit- entschied, diesen Weg einzuschlagen. Es war nun mal um mich geschehen und somit rückte die redaktionelle Arbeit und damit auch das Ziel Geschichten zu erzählen klar in den Hintergrund. Ich hatte Blut geleckt und wollte von nun an ganz vorne mitspielen in der Werbung.

Wenn man fleißig, zielstrebig und gut ist, kam man früher in dieser Branche recht schnell voran. Ebenfalls zu Gute kam mir meine schon damals ziemlich ausgeprägte Risikobereitschaft. Getreu dem Motto „geht nicht, gibt’s nicht“ habe ich damals auch Jobs angenommen, die zweifelsohne einige Kragenweiten zu groß für mich waren. Der Verkäufer in mir verstand sehr schnell die Sprache der Werber, was mir dabei geholfen hat, mich stets sehr gut zu präsentieren. Um es kurz zu machen: das Glück ist mit den Tüchtigen und ich konnte die Jobs alle gut über die Bühne bringen. Schwein gehabt. Natürlich habe ich mich durch diese learning-by-doing-Methode fotografisch sehr viel schneller weiterentwickelt als es zu meiner Assistenz-Zeit möglich war.

Ich tauchte tiefer in dieses Geschäft ein und mein schnelles Vorankommen motivierte mich. Mein Hang zum Geschichtenerzählen durch Bilder allerdings fand dort so gar keine Befriedigung. Schließlich war ich gezwungen in Einzelbildern zu denken und vorgefertigte Bildideen fotografisch umzusetzen. Dem Gefühl der aufkommenden Langeweile versuchte ich entgegenzuwirken, indem ich meinen Fokus verschob und mir ein neues Ziel setzte: making money. Ich wollte wissen, was sich finanziell aus der Werbe-Cash-Cow so rausholen ließ. Aus der heutigen Sicht würde ich sagen ich war geldgeil und fand in dem Schmerzensgeld eine Betäubung meiner Langeweile.

Inzwischen ist viel passiert, einiges davon habt ihr ja mitbekommen. Der Anfang vom Ende kam bereits 2012. Der Wunsch wieder Bildstrecken zu fotografieren und damit Geschichten zu erzählen war nicht länger zu unterdrücken und so startete der Prozess meiner Neuausrichtung. Jetzt nach dem endgültigen Cut 2016 bin ich wieder dahin zurückgekehrt, wo ich thematisch einmal angefangen habe. Ja, es lässt sich nicht leugnen, die vielen Jahre, in denen ich mich nicht in dieser Rolle geübt habe, wollen aufgeholt werden.

Man braucht ein Thema. Im Frühjahr diesen Jahres habe ich eins mit „Marari – fisherman‘s place“ für mich gefunden. Marari ist ein 30km langer Strandabschnitt im Süd-Westen Indiens. Ein nahezu komplette Region von ca. 100 Familien, die auf ihre ganz eigene, beeindruckend einfache Art und Weise ihren Weg gefunden haben, vom täglichen Fischfang mit kleinen 10-Mann-Booten ein verhältnismäßig gutes Leben zu führen. Keine arrangiertes Touristenfolklore also, sondern die tägliche Sicherung des Lebensunterhalts von bis zu 12 Personen pro Fischerfamilie. Die Menschen dort zu fotografieren ist grundsätzlich nicht einfach, sie begegnen Fremden sehr scheu, fast schon misstrauisch. Die Reportage geht bald online, dann könnt ihr ja mal schauen, ob es mir gelungen ist, diese Geschichte gut zu erzählen.

Generell gehe ich beim Storytelling nicht wertend vor. Ich selbst bin z.B. kein politischer Fotograf und werde das wahrscheinlich auch in meiner Karriere nicht mehr werden. Vielmehr interessieren mich die Zwischentöne. Darum kann ich es mir auch vorstellen, Geschichten für die Werbung zu erzählen, also z.B. einen Spitzenpolitiker zu begleiten, um Material für Wahlkampf-Plakate zu generieren. Oder den Vorstandsvorsitzenden einer großen Bank, um zu dokumentieren, welche Menschen in den perfekt sitzenden Anzügen in den verglasten Hochhäusern stecken. Mir ist durchaus bewusst, dass die Magazine meine Telefonleitung nicht glühen lassen, weil ich mir jetzt überlegt habe, redaktionelle Themen spannender zu finden. Aber hey, entweder ich habe erneut die notwendige Portion Glück oder ich kehre zurück nach Marari. Wie man dort gut vom Fischfang leben kann, weiß ich jetzt ja schließlich.

 

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