War & Hope

 

Meine Freizeit verbringe ich im Krieg.

Ich war sehr neugierig Johannes kennenzulernen, hatte ich doch im Vorfeld schon viel von ihm gehört: Die Meinung von Kollegen und dem SPIEGEL über Johannes war ziemlich gespalten. Einige bezeichneten ihn als Adrenalinjunkie, andere wiederum als Elends-Tourist. Menschen, die wiederum nicht aus dem Foto-Business kommen, sprechen überwiegend sehr positiv von ihm. Eine offensichtlich polarisierende Person – mein Interesse war geweckt. Johannes hat einen gut bezahlten und sicheren Job bei einem Dax-Konzern und arbeitet dort im Bereich Marketing. Sein täglich Brot ist also die schöne heile Welt – und trotzdem begibt er sich immer wieder auf eine Reise ins Elend.

 

 

Es war ein Sonntagvormittag im September, bestes Spätsommerwetter am See für unser Gespräch und Fotoshooting. Als ich am Treffpunkt ankam, stand ein großgewachsener Mann, drahtig, Anfang/Mitte 40 vor mir. Er grinste freundlich und begrüßte mich als würden wir uns schon ewig kennen. Johannes ist ein offener Typ, was mir schnell einen sehr guten Zugang zu ihm verschaffte.

Die naheliegendste Frage brannte natürlich auch mir unter den Nägeln: warum macht man so etwas, seine Freizeit im Krieg verbringen? Überraschend unspektakulär die Antwort: Johannes ist fasziniert und interessiert an genau diesem Genre der Fotografie. Sehr ernsthaft interessiert. Relativ schnell bemerkte ich den Fehler in meinen vorangegangenen Gedankengängen, die wohl doch von den Meinungen meiner Kollegen beeinflusst waren. Meine Frage erschien mir ungefähr so schlau, als wenn ich einen ambitionierten Amateur-Fußballspieler fragen würde warum er Fußball spielt!? Ganz einfach: weil er es kann!

Natürlich war seine Antwort wesentlich komplexer: vor ca. sieben Jahren begann Johannes sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und seitdem ist die Kriegsfotografie im übergeordneten Sinne sein Thema. Ich finde es ziemlich beachtlich, dass er es geschafft hat, sich als ambitionierter Amateur in diesem Genre der Fotografie zurechtzufinden und eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Der Berufsfotograf in mir stellt sich natürlich die Frage, warum man das nicht gleich als Hauptberuf macht? Aber Johannes interessieren Aufträge nicht. Er schilderte mir, wie ihn mehrere Magazine mit Auftragsangeboten kontaktiert haben. Allerdings zu unmöglichen Preisen, das Geschäft war ihm schlichtweg zu kompliziert und unrentabel. Welcome to my life.

Was mir an Johannes’ Arbeit besonders auffällt ist, dass sich das gezeigte Elend doch in gewissen Grenzen hält. Die Tatsache, dass auf den Bildern weder Tote noch Verstümmelte zu sehen sind, entkräftet für mich auch den Vorwurf der Effekthascherei. An diesem Punkt angelangt, wurde unser Gespräch dann auch sehr persönlich. Seine Stimme war gedämpft, als er erzählte, dass er solche Bilder zwar hat, da er diese Momente eben auch miterlebt hat, diese aber nicht zeigen will. Auch eine Entscheidung, die er sicher (nur) leisten kann, weil es eben kein Geschäft für ihn ist. Für ihn steht das soziale Engagement im Vordergrund. So organisiert er Ausstellungen, wo er seine Fotos als große Abzüge verkauft. Die Erlöse kommen 1:1 Hilfsorganisationen vor Ort zu Gute.

Wie lange er noch mit den vielen belastenden Situationen und Erlebnissen umgehen will und kann, wisse er noch nicht, vertrauter er mir gegen Ende unseres Gesprächs an. Nur wie so oft im Leben spielt auch hier nicht nur die reine Vernunft eine Rolle. Die Kollegen, die dieses Genre hauptberuflich bedienen, wissen von der “Sucht”, die einen doch immer wieder losziehen lässt. Somit darf man gespannt sein, wie viele seiner Urlaubstage Johannes noch im Krieg verbringen wird. Und bleibt zu hoffen, dass es keiner zu viel sein wird.

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